Systemische Familientherapie

Ein kleines Fallbeispiel

Ein Familienvater wurde in meiner Praxis vorstellig. Er litt unter starkem Übergewicht und bat mich um Unterstützung, um endlich sein Gewicht in den Griff zu bekommen. Ich erstellte einen individuellen Ernährungsplan. Der Mann hielt sich in den ersten Wochen an diesen Plan, verlor an Gewicht, wurde aber nach einiger Zeit immer wieder von seinen alten Verhaltensmustern eingeholt: Essen als Hilfe zur Entspannung.

 Im Gespräch erzählte er dann von Schwierigkeiten mit seiner neunjährigen Tochter. Sie sei zickig, gäbe nur Widerworte, teilweise sei sie ihm gegenüber nahezu aggressiv. Sein Sohn dagegen sei ganz anders. Mit dem könnte er reden, er sei ruhig und friedlich. Diese Situation war für ihn unerträglich und um sich zu entspannen, gönnte er sich dann Süßigkeiten, Kuchen oder ein paar Flaschen Bier am Abend.

Ich gab ihm stellvertretend für die Kinder und sich selbst drei Moosmatten in die Hand und bat ihn, diese intuitiv im Raum zu verteilen.

Er legte die Matte für die Tochter direkt hinter seine  und die seines Sohnes im Abstand von ungefähr einem Meter schräg vor seine eigene Matte.

Anschließend bat ich den Vater, sich auf seine Position zu stellen. Ich stellte nur zwei kleine Fragen: „Wen sehen Sie?“ –  „Meinen Sohn!“

„Sehen Sie auch Ihre Tochter?“ – „Sie steht hinter mir, aber sehen kann ich sie nicht“.

In diesem Moment wurde dem Vater bewusst, das die kleine Tochter mit ihrem Verhalten einen Hilfeschrei sendete. Sie wollte genau so gesehen werden, wie ihr Bruder…

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